Veröffentlicht in Ausprobieren, Erfahrungen

Bildung 5.0 – Schritt für Schritt die Hochschule der Zukunft gestalten

Welches Problem hat die Organisation eigentlich? Was müsste sich ändern? Wie sieht die ideale Hochschule aus, an der ich gerne arbeiten/lernen/lehren/forschen möchte? Welche Gefühle bestimmen meinen Alltag? Von welchem Erlebnis möchte ich noch meinen Enkeln erzählen?

Neulich konnte ich an einem Workshop teilnehmen, der aus einem Forschungsschwerpunkt der Hochschule Osnabrück PACE: Organisations­kommunikation optimieren – Wertschöpfung steigern durch die Entwicklung ambienter Kommunikationssysteme“ ( https://www.hs-osnabrueck.de/de/pace/) heraus entstanden ist. Ziel des Workshops war es mit einer aus dem Forschungsschwerpunkt entwickelten Methode, angelehnt an Design Thinking, die Hochschule von morgen prototypisch zu gestalten.

Wir stiegen in den Workshop schon mal ganz anders ein, als man das sonst gewöhnt ist. Es gab nicht die übliche Vorstellungsrunde, obwohl alle Teilnehmer*innen unterschiedlichen Orga-Einheiten und unterschiedlichen Statusgruppen angehörten, alles war vertreten von der Studentin über den Mitarbeiter aus der Verwaltung bis hin zu Forschung. Das wurde aber zu Beginn überhaupt nicht thematisiert, und erst viel später im Workshop erfuhren wir, wer welche Position in der Hochschule einnimmt. Der Einstieg war ein Kennenlern-Bingo, wir sollten in Kürze bestimmte Eigenschaften der Teilnehmer*innen ersammeln. Wer als erste*r 5 beisammenhatte, hatte gewonnen. Die Fragen hierfür waren sehr unterschiedlich: „Hat in Bitcoin investiert?“ „Hat ein Whiteboard im Büro“ „Spielt ein Instrument“ und vieles mehr. Das führte schon gleich zu einer lockeren Stimmung und selbst bei Menschen, die sich doch beruflich ganz gut kannten zu lustigen Überraschungseffekten: „Wie, du bist schon mal einen Marathon gelaufen?“ oder „Ach was, du hälst ein Patent? Das wusste ich ja gar nicht“. Ich fand das eine sehr gute Einstiegsübung, weil durch diese Fragen sofort die Hierarchieebenen verlassen wurden und man sich im Nu auf einer Ebene bewegte, so konnte es schon gleich richtig an die Arbeit gehen.

Die Methode, die in diesem Workshop verwendet wurde, ist eine partizipative Methodik mit Anleihen aus dem Design Thinking. Sie wird die „PACE Methode“genannt, angeleht an das Forschungsprojekt, in dem sie entwickelt wurde. Die Methodik wurde wie folgt auf unsere Design-Challenge: Bildung 5.0 angewendet:

  1. Interview: Zunächst führten wir gegenseitig ein Intenview, um den Arbeitsalltag unserer Partnerin oder unseres Partners zu erfassen. Fragen hierfür waren beispielsweise: Wer bist du überhaupt und wie bist du hier gelandet? Wie sieht ein absoluter Horrortag für dich an der Hochschule aus? Wie hingegen dein Traumtag? Welche Gefühle spielen in diesen Momenten eine Rolle? Auf dieser Basis wurden dann die Elemente herausgearbeietet, die uns besonders aufegallen sind.
  2. Erfassen der Resultate: Die Ergebnisse wurden auf Flipcharts nachgehalten. Dadurch hatte man die Möglichkeit zu überprüfen, ob wirklich die Kernpunkte erfasst wurden, die sich im Interview gezeigt hatten. Erst dann haben wir konkrete Anforderungen oder Wünsche herausgearbeitet. Die Komprimierung von Bildern weckt Gefühle und erleichtert es den jeweiligen Kern des Problems herauszustellen.
  3. Point-of-View (Standpunkt) formulieren: Da es mehrere Interview-Teams gab, brachten wir an dieser Stelle unsere Ergebnisse aus den Interviews zusammen und versuchten auf eine gemeinsame Darstellung der Anforderungen zu kommen.
  4. Skizzieren von Lösungswegen: Nun kam es zur Lösungswegeentwicklung. Hier waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt, es konnte gebastelt, gemalt oder sogar geschauspielert werden.
  5. Lösung teilen und Feedback einholen: Im Anschluss wurden die Lösungen der gesamten Gruppe präsentiert und das Feedback aller eingeholt.

Interessant war das Ergebnis. Es kam wenig heraus, was beispielsweise mit der Digitalen Transformation der Hochschule oder wirklich zukunftsverändernden Entwicklungen zu tun hatte, der Fokus lag hingegen auf drei Kern-Elementen:

  • Achtsamkeit
  • Kommunikation
  • Klarheit

Das Thema „Achtsamkeit“ ist an der Hochschule schon länger verankert unter anderem im Projekt „Mindful Leadership“. Im Workshop wurde durch die PACE Methode deutlich, dass sich die Teilnehmer*innen dennoch mehr Achtsamkeit bzw. mehr Verständnis für die gegenseitigen Bedürfnisse wünschen, sei es z.B. im Umgang mit der verfügbaren Zeit der Anderen. Als Lösungsvorschläge wurden entwickelt: ein Methodenkoffer mit unterschiedlichen Dingen z.B. Trainings, Hospitationen oder auch praktische Tools wie Delegationspoker oder Kanban-Boards. Eine andere Gruppe hatte einen ambienten Wecker entwickelt, welcher durch heller oder dunkler werdendes Licht, das Ende der Besprechungszeit unaufdringlich vorgibt, da in dieser Gruppe zu lange und uneffektive Besprechungen als „Quelle des Übels“ identifiziert wurden.

Das Thema „Kommunikation“ sollten die meisten Menschen aus ihren Organisationen kennen. Immer wieder kommt es auf, aber offenbar scheint es noch nicht wirklich zufriedenstellend umgesetzt zu werden. Im Workshop stand vor allem der Wunsch nach mehr und übergreifender Vernetzung innerhalb der Hochschule im Mittelpunkt. Ein Vorschlag war hierfür beispielsweise mal einen Gallery-Walk ähnlich dem Beispiel aus Siegen (siehe folgenden Blog-Beitrag: https://musterwandler-hochschulen.org/2019/12/19/kultur-wandeln-erste-schritte-mitarbeitendenversammlung-mal-anders/) auch bei uns zu veranstalten. Denkbar wären aber auch andere Formate, wie zum Beispiel Job Rotation oder ähnliches.

Der letzte Punkt „Klarheit“ wird auch wieder den meisten vertraut vorkommen. Oft fehlt es an klaren Zielsetzungen und Prioritätensetzungen. Was ist eigentlich die Vision der Hochschule, wo wollen und sollen wir hingehen? Was ist unser gemeinsames Ziel? Das passt sehr gut zu meiner aktuellen Aufgabe, zusammen mit meiner Führungskraft ein Handlungspapier zu entwickeln, welches eine strategische Richtung vorgibt. Zusammen haben wir uns darauf geeinigt ein besonderes Augenmerk auf das „Warum“ zu legen und haben festgehalten, dass bei allen Maßnahmen, die getroffen werden, Konsens über das „Warum“ die Voraussetzung für die Umsetzung ist. Ich bin gespannt, wie sich das in der Praxis gestalten wird.

Mir hat der Workshop Spaß gemacht und ich fand auch die Ergebnisse spannend. Ich war überrascht, wie schwer es uns scheinbar fällt uns eine Traumwelt vorzustellen. Alle Teilnehmer*innen blieben doch immer sehr nahe an ihrer derzeitigen Realität. Dabei fällt mir auch die Initiative der Zukunftsbauer ein: https://www.diezukunftsbauer.com/ , ein buntes Kollektiv aus kreativen Köpfen, welches zum Ziel hat Menschen, insbesondere junge Schüler*innen zu Gestaltern der Zukunft zu machen. Bei einem Vortrag erzählten sie einmal, dass es kleinen Kindern viel einfacher fällt sich eine andere und vielleicht bessere Zukunft vorzustellen, wir aber, je älter wir werden, das verlernen. Ich glaube daher, dass wir gut dran wären solche Workshops wie den vergangenen öfter einmal durchführen, um so Kreativität und Gestaltung wieder zu erlernen.

Haben Sie sich schon mal Gedanken über die Hochschule der Zukunft gemacht? Ich freue mich über kreative Ideen.

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