Veröffentlicht in Erfahrungen

Inne halten

Es ist eine verrückte Zeit. Gestern hat ein Bekannter von mir einen Status bei Facebook gepostet, mit der Überschrift: „Damit ich mich später erinnere, dass dies tatsächlich real war“, danach listete er alle Fakten auf, die derzeit unser Leben beeinflussen, die Infektionszahlen von Covid19 weltweit, die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen, die derzeit schon erkennbar sind, die Maßnahmen unserer Regierung die Ausbreitung des Virus einzudämmen und wie es ihm persönlich geht. Noch nie wurde Freiheit in einer Demokratie so sehr beschränkt wie jetzt und bisher werden diese Maßnahmen weitestgehend akzeptiert.

Heute halte ich inne und denke darüber nach, wie es mir eigentlich geht. Einerseits mache ich mir natürlich auch große Sorgen, könnte unser Gesundheitssystem tatsächlich doch noch zusammen brechen, sodass wir Bilder, wie gerade in New York sehen? Was passiert mit all den Menschen, die plötzlich in Kurzarbeit gehen müssen oder gar ihre Jobs verlieren? Was ist mit all den alten Menschen, die nun einsam und verängstigt in ihren Wohnungen sitzen? Wie wird es sein, wenn das Covid 19 den Kontinent Afrika erfassen wird? Was, wenn enge Verwandte oder Freunde von mir schwer an Covid 19 erkranken sollten?

Doch ich sehe und vor allem spüre ich auch was komplett anderes: Dinge werden möglich von denen ich nicht zu träumen gewagt habe. Der menschliche Kontakt wird persönlicher, fast jede eMail erhält die Frage „Wie geht es Dir“ und endet meist damit „Bleib gesund!“. Ich habe wieder Kontakt zu Freunden und Bekannten von denen ich lange nichts gehört habe, Menschen lächeln sich auf der Straße wieder an und laufen nicht einfach achtlos an einem vorbei.

Die Entwicklungen an meiner Hochschule sind auch enorm. Gestern wurde ein Zeitungsartikel veröffentlicht, in dem der Präsident meiner Hochschule sich ganz entschieden gegen ein „Nullsemester“ ausgesprochen hat, was einige Hochschulen fordern, diese wollen, dass das Sommersemester nicht gewertet wird. Bei meinem Arbeitgeber ist das anders: „Die Hochschule Osnabrück befindet sich bereits seit dem 16. März im Online-Modus. Als eine der größten Hochschulen deutschlandweit, die sich zu dem Zeitpunkt überhaupt im regulären Vorlesungsbetrieb befand, nimmt sie eine Vorreiterrolle ein. Wir haben quasi über Nacht in einem enormen Kraftakt unsere Lehre umgestellt“, sagt Prof. Dr. Andreas Bertram (Hasepost, 06.04.2020, Abgerufen am 07.04.20 von https://www.hasepost.de/hochschule-osnabrueck-spricht-sich-gegen-nullsemester-aus-183596/). Das Team, welches ich mit betreue ist maßgeblich an diesem Kraftakt beteiligt. Während ich im letzten Jahr noch dachte, dass dem Team es manchmal an Innovationsgeist und Motivation fehlt, kam mit der Entscheidung, wir stellen auf Online-Lehre um, der Wandel über Nacht. Seit dem sprühen sie nur vor Energie und leisten eine beeindruckende Arbeit. Diese Motivation steckt uns alle an, auch andere Personen in meinem Umfeld, sind teilweise wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht, alle wollen plötzlich was gemeinsam bewegen. Das Ziel, diese Krise gemeinsam durchzustehen, eint nicht nur uns als kleines Team, sondern es ist ein gemeinsamer Geist entstanden.

In der Vergangenheit war das Team nicht wirklich agil aufgestellt, es gab Experten für die unterschiedlichen Bereiche, sie arbeiteten zwar gut zusammen, aber gerade die dezentral arbeitenden Personen waren nicht immer informiert. Seit dem 16.03.20 ist die Zusammenarbeit eine andere. Seit dieser Zeit haben wir MS Teams als Kollaborationstool im Einsatz, machen jeden Tag einen Status-Call mit allen zusammen und tauschen uns währenddessen bei schnellen Fragen über Chat aus. Alle drei Tage findet ein längerer Austausch statt, um die nächsten Tage zu planen. Um zu gucken, ist das woran wir gerade arbeiten immer noch zielführend? Was wünschen sich die Lehrenden und die Studierenden? Das Team hat sich in den letzten Wochen gegenseitig Cross-Trainings gegeben, um zumindest Basis-Wissen über alle Themen zu haben. Das Wichtigste überhaupt ist aber, dass sie sich alle gemeinsam nun wirklich als Team verstehen und gemerkt haben, es geht nur zusammen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt in einem Artikel: „Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist.“ (Kress News, 19.03.20, Abgerufen am 07.04.20 von https://kress.de/news/detail/beitrag/144775-die-welt-nach-corona-wie-wir-uns-wundern-werden-wenn-die-krise-vorbei-ist.html) Er malt in diesem Artikel sehr positive Szenarien für eine Welt nach Corona, was wir alle gelernt haben werden, welche Chancen sich ergeben haben und was bleiben wird. Ein sehr lesenswerter Artikel, der mich mit Freude in die Zukunft blicken lässt.

Ich hoffe, dass dieser Spirit, der nicht nur mein Team, sondern die ganze Hochschule oder gefühlt die ganze Welt erfasst hat, bleiben wird. Das Wille gemeinsam etwas zu bewegen, füreinander einzustehen, seinen persönlichen Teil dazu beizutragen. Das wünsche ich mir sehr und versuche auch meinen Teil dazu beizutragen. Wie ergeht es Euch oder Ihnen?

Ein Kommentar zu „Inne halten

  1. Gerade werde ich über Twitter auf deinen Beitrag geführt. Seit Jahren arbeite ich in dem Bereich E-Learning, so lange schon, dass der Begriff sich bereits überholt hat – aber es gibt auch noch ältere unter uns, die sind damals mit „Neue Medien“ eingestiegen. Ich arbeite in der Medizin und bei uns ist der Druck enorm, denn hier geht es nicht nur um den Umstieg auf Online, hier arbeite ich mit den Menschen die bereits jetzt sich auf der Intensivstation davor fürchten, dass Sie triagieren müssen, den Medizinstudierenden. die sich freiwillige gemeldet haben und sich sorgen ob die Schutzkleidung reicht. Das sind bei uns die Menschen, die trotzdem noch Lehre machen – die mich motivieren und für die ich in den letzten Wochen 120 Überstunden aufgebaut habe. Mit den Medizinstudierenden zusammen, die teilweise noch nach ihrem Dienst in der Klinik bei mir den Dozenten helfen ihre Lehrveranstaltung aufzuzeichnen. Um ihre Lehre, ihr Staatsexamen und Zukunftspläne zu retten. Die trotz allem ihren Humor und ihre Nerven behalten. Und denen möchte ich danken und sagen wie beeindruckend ich sie fimde. Ich hoffe wirklich wir kommen ohne Kollaps durch diese Zeit, denn ihr seid so verdammt gut, ich möchte euch nicht verzweifeln sehen, wie eure Kollegen in Italien, Spanien, US. Wenn ich euch mit der Online-Lehre unterstützen kann, dann mache ich das.

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