Veröffentlicht in Allgemein

Praktischtheoretisch, studierendengesteuert, entwicklungsorientiert: Lehrer:innenbildung an der Hochschule für agile Bildung (HfaB)

Gastbeitrag von Christof Arn und Jean-Paul Munsch

Was passiert, wenn ein als Organisationsberater und Coach tätiger Philosoph und ein als Hochschuldidaktiker tätiger Ethiker gemeinsam mit vielen anderen eine agile Hochschule gründen?

Die einfache Antwort lautet: «Sie begeben sich auf einen gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozess.» Bis dahin klingt die Antwort vermutlich noch vertraut – «lernen» und «Entwicklung» hört man öfter im Zusammenhang mit Start-ups und Organisationsentwicklung. Der reality-check sieht dann noch ein bisschen leibhaftiger aus: traumvolle Nächte und persönliche Grenzerfahrungen werden ebenso mitgliefert wie grosse Glücksgefühle, ein starker Teamzusammenhalt speziell im vierköpfigen Leitungsteam und erstaunliche Entwicklungsschritte. Denn das Vorhaben schickt die daran Beteiligten auf eine abenteuerliche Lernreise, weil sich alle daran Beteiligten auf ein grosses Experiment einlassen, das für jede:n Neuland ist. Darum gibt es viel zu entdecken: auf der individuellen Ebene, auf der Teamebene und auf der institutionellen Ebene.

Und auch die Grundidee ist einfach und gibt eine Antwort auf die Frage, wie wirkliche Bildung passieren kann. Die Antwort ist ein Drei-Säulen-Modell, das Aus- und Weiterbildung folgendermassen konzipiert:

  • Studierende an der Hochschule für agile Bildung (HfaB) sind parallel intensiv und zunehmend verantwortlich in der Praxis tätig. Sie lernen in und aus der Praxis und bringen Fragen aus der Praxis an die HfaB mit.
  • Die Wissensvermittlung ist – bei grossenteils vorgegebenen Lernzielen – über weite Strecken ein selbstorganisierter Lern- und Aneignungsprozess, bei dem relevante Theorie und wissenschaftliche Ergebnisse einfliessen. Für alle betreffenden Wissensbereiche steht ein Pool von Spezialist*innen bereit.
  • Professionelle Begleitung durch Coaches und Reflexion der Praxis an den Campustagen. Jeder Student und jede Studentin wählt einen Personal Coach aus dem Coachingpool aus, der ihn oder sie auf ihrem Lern- und Entwicklungsweg begleitet.

Individuelle Ebene

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass bei allen Beteiligten (Studierenden, Dozierenden, Coaches, Leitungspersonen) auf der persönlichen Ebene starke Lern- und Entwicklungsprozesse angeregt werden. Konfrontation mit sich selbst – fachlich wie persönlich – findet verstärkt statt und Aufgabe der Leitung gemeinsam mit der Gruppe ist es, diese Prozesse fruchtbar zu gestalten: Das heisst, für die jeweils besonders betroffene Person, aber auch für alle anderen einen safe space zu schaffen und im Rahmen des Ziels des Studiengangs, die Aktivitäten am Sinn (Purpose) der HfaB— Lernen und Entwicklung zu befördern —, auszurichten.

Teamebene

Hier zeigt sich, dass die Etablierung einer lern- und entwicklungsorientierten Aus- und Weiterbildungskultur auch auf der Teamebene gestaltet werden will. Es reicht nicht, dass sich Gleichgesinnte mit einer lernenden Haltung (was eine Grundvoraussetzung ist) treffen und dann zusammenarbeiten können. Aktuell sind wir dabei, den Teamentwicklungsprozess mit gemeinsamen, face-to-face-Veranstaltungen so zu gestalten, dass das gegenseitige Vertrauen wachsen kann und die institutionelle Ebene mitgetragen werden kann. Dies gilt übrigens auch für die Studierenden, die für die (Weiter-)Entwicklung der Hochschule mitgestaltend tätig sind.

Institutionelle Ebene/Hochschulebene

Neben der essenziellen Orientierung am Purpose (Lernen und Entwicklung ins Zentrum zu stellen und alle Hochschulaktivitäten danach auszurichten) und dem Aufbau und Pflege einer lernenden Haltung auf alle Ebenen gilt es zudem, agile und tragfähige Strukturen und Prozesse aufzubauen. Da helfen uns  jüngere organisationale Ansätze, Rollen- und Aufgaben mit Taskboards und Aufgabenmatrix zu prozessieren und Entscheidungsprozesse möglichst transparent (über unsere Austauschplattform) anzugehen, um Beteiligung zu ermöglichen — oder einzufordern. Hier gilt es, eine gute Balance zwischen Adaptivität und Prozessoffenheit (auch auf der Ebene der Organisationsentwicklung) auf der einen Seite und stabilisierender, beruhigender Struktur und energiesparender Routine auf der anderen Seite zu finden. An diesem Punkt stehen wir diesbezüglich gerade und wünschen uns, dass dies über die Pionierphase der Organisation hinaus der Fall sein wird.

Zukunft

Eine offene Frage bleibt, ob und wie sich das Modell der Hochschule für agile Bildung skalieren lässt; ob sie eine singuläre und für andere inspirierende Manifestation einer wesentlichen Bildungsidee ist, oder ob das Modell eine Entdeckung ist, die für eine Bildungslandschaft unter VUCA-Welt-Bedingungen nicht nur interessant, sondern auch breiter realisierbar ist.

Kern

Von unserem Bildungsansatz her gedacht, verstehen und leben wir unser Modell wie folgt:

Lernwege werden individuell und gemeinsam gestaltet. Die Organisationsstrukturen wie auch die Organisationskultur werden miteinander fortentwickelt, in einem offeneren Prozess als man es öfter gewohnt ist. Fix sind allerdings die Ziele, die Ausrichtung am Purpose – in unserem Fall Lernen und Entwicklung spezifisch auf das Ziel hin, gute Lehrer:innen auszubilden. Entscheidungen werden in einem eigenen Entscheidungsprozess individuell und immer auch als Expert:innen-Entscheidungen getroffen, etwa wenn die Modulziele in ihren Kernpunkten beschrieben werden.

Und als neues Muster kann die HfaB zusammengefassend so beschrieben werden:

In der Hochschule für agile Bildung trifft Praxis auf Wissenschaft und löst in Form von Reflexionsprozessen auf Praxis wie auf Theorie in den einzelnen Menschen, in der Gruppe und in der Institution Lernprozesse aus – bisweilen auch Transformationsprozesse.

Zugegeben: Es braucht Mut, sogar etwas mehr, als wir anfangs dachten. Und doch, wir wollen es nicht missen: Es ist – auch – eine wunderbare Welt.

 Mehr unter: hfab.ch

Autor:

Musterwandlerin an der FernUniversität in Hagen, an der ich mich hauptsächlich mit dem Einsatz digitaler Lehr-Lern-Lösungen beschäftige und Innovationen eine bedeutende Rolle spielen.

Ein Kommentar zu „Praktischtheoretisch, studierendengesteuert, entwicklungsorientiert: Lehrer:innenbildung an der Hochschule für agile Bildung (HfaB)

  1. Genial – habe mich seit Jahren gefragt, wann so etwas (endlich) passiert. Kudos an diese mutigen Personen, aus meiner Sicht ist der Erfolg garantiert mit so einem Vorgehen.
    Boris Gloger Consulting hat in D eine verwandte Initiative gestartet mit Scrum4Schools, welche allerdings auf die Strukturierung des Unterrichts fokussiert ist, nicht auf eine der Wurzeln, die Ausbildung der Lehrer.
    Dann fällt mir noch eduScrum ein: https://www.eduscrum.nl/about/eduscrum
    Webinar heute Abend: https://www.scruminc.com/scrum-education/

    Macht weiter so, es wird sich lohnen, davon bin ich überzeugt!

    Liken

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