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Impulse für eine Innovationskultur an Hochschulen

In unserer Hochschule beschäftigen wir uns derzeit damit, wie wir eine auf alle Hochschulbereiche ausgeweitete Innovationskultur schaffen und kontinuierlich pflegen können. In diesem Kontext recherchiere ich, suche nach Beispielen und greife u.a. Literaturempfehlungen von anderen auf. Eine Empfehlung, die ich in diesem Kontext erhalten habe, ist das Buch „Das dynamische Unternehmen“ von Karla Schlaepfer und Martin Welz (2017 erschienen bei Schäffer-Poeschel).

In den folgenden Abschnitten folgt nun allerdings keine Zusammenfassung des Buches. Stattdessen möchte ich gezielt einige, wenige Anregungen aufgreifen, die ich darin finden konnte und die bei mir Ideen zur Umsetzung an unserer Hochschule ausgelöst haben.

Motivationskultur als Teil der Innovationskultur

Wir wünschen uns Kolleginnen und Kollegen, die begeistert ihrer Arbeit nachgehen, vor Engagement, Ideen und Tatendrang nur so sprudeln. Ist das aber die Realität in Hochschulen? In einigen Bereichen sicherlich. Gerade die Wissenschaft ist häufig durch intrinsisch motivierte Menschen geprägt, die für ihr Fach und ihren Forschungsschwerpunkt brennen. Im sog. Third Space sieht es vermutlich etwas anders aus. Verwaltungs- oder auch Administrationstätigkeiten gelten nicht unbedingt als die spannendsten und abwechslungsreichsten Aufgabenfelder. Wie kann es dennoch gelingen, auch hier eine Umgebung für motivierte Mitarbeitende zu schaffen? Ein Vorschlag lautet „Bedeutsamkeit schaffen“, z.B. durch die Initiierung von Begegnungen (vgl. S. 26). Konkret heißt dies, Mitarbeitende aus dem Third Space in den Austausch zu bringen mit Studierenden und Lehrenden, die letztlich die Endkunden sind.

„Eine wachsende Zahl von Studien belegt, dass Endnutzer, Kunden, Klienten, Patienten und andere, die von Produkten und Dienstleistungen eines Unternehmens profitieren, überraschend effektiv sind, andere zu motivieren, härter, effizienter und produktiver zu arbeiten“ .

(zit. n. Grant 2011, ebd.)

sipgate hat in diesem Kontext gerade für ein Open Test Lab geworben. Ich finde, sowas sollten wir auch an Hochschulen mal anbieten und damit Entwickler*innen, Systemadministrator*innen und Sachbearbeiter*innen mit Hochschullehrer*innen und Studierenden in Kontakt bringen.

Aus Fehlern lernen anstatt sie zu leugnen

Mir persönlich ist es nach wie vor ein großes Rätsel, warum wir uns so schwer damit tun, Fehler und das darin vorhandene Entwicklungspotential als solches anzuerkennen, und stattdessen immer wieder dazu neigen, Projekte als erfolgreich beendet zu etikettieren und kurz darauf das Projekt in der Schublade zu versenken. Als Kind habe ich bereits den Glaubenssatz „Aus Fehlern lernt man“ mit auf den Weg bekommen, wofür ich sehr dankbar bin. Innovationskultur braucht genau das! Es braucht die Möglichkeit des Versuchs und des möglichen Scheiterns. Denn: Wir lernen daraus, wie es nicht geht, entwickeln stattdessen neue Lösungsansätze, probieren diese erneut aus und mit etwas Glück ist im nächsten Anlauf das Problem gelöst oder gar eine Innovation geboren. Deswegen gehört eine Fehlerkultur unabdingbar auch zur Etablierung einer Innovationskultur. Vielleicht als pragmatisches Beispiel: Kartoffelchips sind – zumindest der Legende nach – auch nur erfunden worden, weil sich ein Gast mehrfach über die zu dicken Kartoffeln beschwert hatte.

Konkret unterstützt werden kann dies durch sog. Fuck-up-Nights, wie sie einige Hochschulen bereits anbieten/angeboten haben (vgl. Hochschule Koblenz, PH Heidelberg oder SRH Hochschule Berlin).

Eine andere, wie ich finde, sehr schöne Idee besteht darin, Scheitern explizit zu belohnen und hervorzuheben. So verleiht Google unter seinen Mitarbeiter*innen einen Pinguin Award oder die Engineers without Borders veröffentlichen einen Failure-Report.

Auf der diesjährigen HFDCon in Bonn am 21.10. wird ein Science-Slam zum Thema „My worst Teaching Experience“ angeboten – eine mögliche Variante, diese Ideen auf Hochschulen zu übertragen. Ich persönlich kann mir das aber auch gut inhouse unter den Mitarbeitenden des Third Space vorstellen: Sich regelmäßig – gern auch erstmal im vertrauteren kleinen Kreis, z.B. dem eigenen Dezernat, treffen und Geschichten vom eigenen Scheitern präsentieren, um daraus gemeinsam zu lernen.

Das digitale Oregon-Experiment

Bei der Neugestaltung der Fußwege auf dem Gelände der University of Oregon ging das verantwortliche Team einen bis dahin ungewöhnlichen Weg. Anstatt von Architekten Fußwege planen zu lassen, sähte man einfach Gras, ließ es wachsen und beobachtete, wo sich Trampelpfade abbildeten. Diese Trampelpfade wurden dann als feste Wege angelegt und entsprechen somit zu 100% den Wünschen derjenigen, die tagtäglich darauf unterwegs sind. Wie lässt sich das nun digital abbilden?

In meinem Umfeld beschäftige ich mich viel mit den passenden digitalen Lehr- und Lernumgebungen. Es gibt immer wieder neue Tools, die wir gern testen würden, dafür fehlt letztlich aber die Zeit. Aber warum sollen überhaupt wir entscheiden, was getestet werden soll – warum lassen wir nicht diejenigen entscheiden, die damit zukünftig lernen bzw. lehren sollen? Über für Testzwecke freigeschaltete Landingpages, die einen Zugang zum Tool simulieren, ließe sich herausfinden, woran unsere Zielgruppen interessiert sind. Letztlich werden die Seiten nicht beworben, der Zugriff erfolgt allein via Suchanfragen. So lässt sich herausfinden, wo die Interessen der Nutzer*innen liegen und auf dieser Basis eine Priorisierung festlegen.

Neugierig geworden? Dann empfehle ich die Lektüre. Das Buch hält definitiv noch einiges an Impulsen bereit.

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Ausprobieren, wahrnehmen, antworten. Wie das Cynefin-Framework bei der Einführung von Innovationen helfen kann.

Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine modifizierte und übersetzte Version des Konferenzbeitrages: Bils, Annabell (2018). Probing, Sensing, Responding – How to implement digital learning innovations by using the Cynefin framework. In Proceedings of EdMedia: World Conference on Educational Media and Technology (pp. 2010-2015). Amsterdam, Netherlands: Association for the Advancement of Computing in Education (AACE). https://www.learntechlib.org/primary/p/184441/.

Wenn an einer Institution, beispielsweise einer Hochschule, Innovationen eingeführt werden sollen, ist dies ein schwieriges Unterfangen. Nicht nur, dass der Prozess oftmals Einfluss auf die verschiedenen Bereiche innerhalb der Institution, wie z.B. Lehre, Forschung und Verwaltung, hat – die Bereiche sind in der Regel auch miteinander verbunden. Den Prozess der Implementation zu planen und zu koordinieren, kann daher verwirrend sein. Um die Fäden ein wenig zu entwirren, kann es sich lohnen, die Systemebene zu betrachten. Ein Framework dafür bietet Cynefin.

Bereits im Jahr 2007 veröffentlichten Dave Snowden und Mary E. Boone ein Modell für Führungskräfte , das dabei helfen soll, Entscheidungen zu treffen – und zwar im besten Fall solche, die den Rahmenbedingungen der Institution entsprechen (Snowden & Boone 2007). Snowden nannte dieses Framework Cynefin, ein walisisches Wort für „Heimat“ oder „Habitat“ – und meinte damit genau das: einen Ort, von welchem aus man die unterschiedlichen Wahrnehmungen betrachten kann. Führungskräfte sollen dadurch erkennen, dass verschiedene Kontexte unterschiedliche Handlungsweisen erfordern (ebd.). Das Cynefin-Framework definiert Kontexte als einfach („simple”, „obvious“), kompliziert („complicated“), komplex („complex“) und chaotisch („chaotic“).


Abbildung 1: Snowden: Das Cynefin Framework. Quelle

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Drei Ansätze für ein Umdenken

Durch einen Kommentar von Peter Fischbach bin ich auf die niederländische Theorie von „Omdenken“ (= Umdenken) oder „Flip-Thinking“ aufmerksam geworden (https://omdenken.com/flip-thinking/). Mir fielen gleich  Querverbindungen zu anderen Büchern ein, in denen man ähnliche Gedanken finden kann. Statt hier die Strategien von „Omdenken“ vorzustellen, greife ich deshalb nur drei Gedanken auf und nenne dazu weitere Fundstellen. So können Interessierte für sich einen eigenen Pfad entdecken. Die drei Stichworte sind: „Ja, und…“, Fehlerkultur und Andersdenken.

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Eine Zugfahrt mit neuen Erkenntnissen

Vor etwa einem Jahr bin ich auf das Buch Accountability – Freedom and responsibility without control von Rob Lebow und Randy Spitzer gestoßen, das 2002 bei Berrett-Koehler Publishers erschienen ist (https://www.penguin.co.nz/books/accountability-9781576751831).

In der fiktiven Geschichte geht es auf 272 Seiten darum, was Accountability bedeutet, an welche Grenzen man stößt, wenn sie fehlt, und wie Accountability entstehen bzw. gefördert werden kann. Ich verwende hier bewusst den englischen Begriff, weil mir die Übersetzungen nicht ganz passend erscheinen.

Auffallend ist bereits der Erzählstil, weil über die gesamte Buchlänge ein fortlaufendes Gespräch zwischen wechselnden Beteiligten stattfindet. Den Rahmen hierfür bildet die zufällige Begegnung einer sehr erfahrenen ehemaligen Führungskraft mit einer jüngeren Führungskraft aus einem anderen Unternehmen in einem Zugabteil. Der Jüngere (Pete) ist auf dem Weg zu einem wichtigen Meeting. Er fragt sich, was er noch unternehmen kann, um seinen Meeting-Partnern aus seiner Sicht gute, jedenfalls unabwendbare Veränderungen zu vermitteln, damit diese sie auch umsetzen. Der Ältere (Kid) kennt die Schwierigkeiten seines Abteilpartners aus eigenem Erleben und erkennt deshalb sofort den Kern des Problems: Accountability. („If you can’t find a way to get people accountable, you’re going to find it hard to make anything work, let alone your business.“ S. 7). Während der gesamten Zugfahrt tauschen sich die beiden auch mit weiteren Fahrgästen darüber aus, was es braucht, damit Menschen bezogen auf ihr Tun Accountability empfinden, welche Instrumente und Methoden sich bewährt haben oder schon längst an ihre Grenzen gestoßen sind.

Der rote Faden ist Kids Überzeugung, dass Führungskräfte Accountability nur mit der Haltung eines Grundvertrauens in die Beschäftigten fördern können und, wenn sie ihnen Raum für Möglichkeiten geben. So kann jeder einzelne eigene Entscheidungen treffen und darüber auch seine Grenzen erkennen, sich also weiterentwickeln. Diese Haltung verlangt nicht nur eine klare Entscheidung, sondern auch Zutrauen zu sich selbst. Sehr anschaulich wird dies durch den Hinweis auf den Segler, der ein kleines Boot am Anleger besteigen will. Wie der Segler könne man – so Kid – nicht nur einen Fuß auf das Boot der Freiheit setzen, mit dem anderen aber auf dem Anleger der Kontrolle bleiben (vgl. a.a.O., S. 95). Zweifelnd fragt Pete immer wieder „Wie soll das gehen?“ und so beschreibt Kid den Weg, den sie in seinem Unternehmen gegangen sind. Eine wichtige Frage war auch dort, welche Aufgabe Führungskräfte in dem veränderten Konzept ausüben können. Eine markante Aussage lautet hier: „Move away from the table without abandoning the group“ (a.a.O., S. 164).

Ich habe mir einige Stellen im Buch markiert und blättere immer wieder mit Gewinn darin. Neben dem kurzweiligen Erzählstil kennzeichnet das Buch, dass leicht nachvollziehbar sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Aspekte Vertrauen, Kontrolle, Verantwortung von Führungskräften und eben Accountability eingearbeitet sind. Die beiden Hauptprotagonisten begegnen u.a. einem durch sein selbstsicheres und lautes Auftreten auffallenden Herrn, der sein Unternehmen mit starker Hand zu führen scheint. Mit dieser Grundhaltung reagiert er entsprechend ungläubig, als er neben sich einzelne Ausführungen von Kid aufschnappt. Eine weitere Mitfahrerin, Mitarbeiterin einer Consulting-Firma, lebt davon, Unternehmen bei der Gestaltung von Belohnungssystemen zu beraten. Im Laufe des Gesprächs wird (auch) ihr klar, dass extrinsische Motivation in ihren Wirkungen begrenzt bleibt und darauf gerichtete Ansätze keine Verbundenheit und damit Accountability auslösen können.

In dem Buch werden über die Gesprächspartner sehr unterschiedliche theoretische Ansätze und praktische Erfahrungen im Spannungsfeld Freiraum – Vertrauen – Motivation – Kontrolle thematisiert. Die Inhalte sind für die Leser/innen nicht immer neu. Neu ist allerdings die kompromißlose Auseinandersetzung mit bestimmten Einwänden gegen die hier postulierte Haltung eines Grundvertrauens. Dies löst bei den Gesprächspartnern in der Geschichte ein grundlegendes Nachdenken aus, vielleicht auch bei der Leserschaft.

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